III. Veröffentlichungen aus den Reihen der Pierre Ramus Gesellschaft
I. Aktivitäten der Pierre Ramus Gesellschaft
Die Pierre Ramus-Gesellschaft wurde von Dr. Dieter Schrage 1992
anläßlich des 50-ten Todesjahres von Pierre Ramus ins Leben gerufen. Seit 1993 erscheint unregelmäßig die "Erkenntnis.
Zeitschrift der Pierre Ramus-Gesellschaft", die sich um eine Aufarbeitung sowohl klassischer als auch aktueller
Themen aus dem Blickwinkel der libertären Position annimmt.
Das I. Pierre Ramus-Symposion fand im November 1992 im
Republikanischen Club in Wien statt. Mitwirkende waren: Gerfried Brandstetter, Ferdinand Groß, Ottwald John, Adi
Rasworschegg, Dieter Schrage, Gerhard Senft, Peter Stipkovics sowie Karl Flanner und Victor Matjeka mit aufgezeichneten
Beiträgen.
Das II. Pierre Ramus-Symposion fand im November 1995 im Wiener
Literaturhaus statt. Mitwirkende waren: Maria Böhmberger, Ferdinand Groß, Helmut Hafner, Adi Rasworschegg, Dieter
Schrage, Gerhard Senft, Frederic Serre, Herbert Steiner, Peter Stipkovics und
Vaclav Tomek.
Die III. Veranstaltung der Pierre Ramus-Gesellschaft fand
unter dem Titel "No Pasaran" im Dezember 1996 anläßlich des 60. Jahrestages der Spanischen Revolution im
Kulturzentrum Siebenstern statt. Mitwirkende waren: Francisco Comellas, Gundl Herrnstadt, Gert Hoffmann, Ottwald John,
Hans Landauer, Dieter Schrage, Gerhard Senft und Peter Stipkovics.
Das IV. Pierre Ramus-Symposion fand unter dem Titel “Pierre Ramus und die Friedensbewegung” im Mai 2003 im Kulturzentrum Siebenstern in Wien statt. Mitwirkende waren: Ottwald John, Adi Rasworschegg, Dieter Schrage, Gerhard Senft, Peter Steyrer und Peter Stipkovics.
Die Pierre Ramus-Gesellschaft setzt sich zum Ziel, das gedankliche
Erbe Pierre Ramus mit aktuellen Bezügen herauszuarbeiten und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Dabei sollen vor allem folgende Themen Beachtung finden:
| Veröffentlichungen aus den Reihen der Pierre Ramus
Gesellschaft
Senft, Gerhard: Im Vorfeld der Katastrophe. Die Wirtschaftspolitik des Ständestaates. Österreich 1934 bis 1938. Vergleichende Gesellschaftsgeschichte und politische Ideengeschichte der Neuzeit, Band 15, Braumüller Universitätsverlag, Wien 2002 |
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II. Positionen der Pierre Ramus Gesellschaft
Seit dem Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus"
ist es besonders evident geworden: Auch der "übrig gebliebene" Kapitalismus hat seine häufig gepriesene
Problemlösungskapazität eingebüßt. Wirtschaftskrisen, ökologische Defekte und Phänomene wie die "Neue
Armut" bestehen innerhalb eines weltumspannenden Kapitalismus als unüberwindliche Hürden.
Das Gesicht des kapitalistischen Systems ist bestimmt von
verschiedenen Formen des Monopolismus (Monopoleigentum, Grund und Boden), die ausbeuterische Beziehungen in der
Ökonomie möglich machen. In Zeiten schrumpfender Nachfrage auf den Arbeitsmärkten steigern z. B. monopolisierte
Verfügungsrechte über die Produktionsmittel die Macht der Unternehmerseite. Lohndruck, Verschlechterung der
Arbeitsbedingungen und eine Schwächung der Gewerkschaften sind die Folgen.
Zu definieren ist der Kapitalismus als ein Gesellschaftssystem, in
dem das Kapital (Geld- und Sachkapital) den dominierenden Produktionsfaktor bildet. Davon zu unterscheiden wäre der
Begriff der Marktwirtschaft, mit dem eine Ordnung beschrieben wird, deren Funktionsweise von "Marktsignalen"
wie etwa dem Preis (als Knappheitsindikator) bestimmt wird. Annäherungswürdig erscheint nach Ramus jenes ökonomische
Modell, in dem die Vorteile eines monopolbereinigten Marktsystems mit assoziativen Formen des Wirtschaftens
(Genossenschaften, Arbeiterselbstverwaltung) kombiniert werden. Für den industriellen Bereich sah Ramus die beste
Lösung im Aufbau eines "Gildensozialismus", in dem der gesamte Produktionsmittelbestand von branchenmässig
gegliederten und demokratisch kontrollierten Selbstverwaltungskörpern übernommen wird. Diese sollten der Bevölkerung
die erforderlichen Arbeitsmittel zur Verfügung stellen. Über den gesellschaftlich notwendigen Arbeitsumfang hätte ein
sog. "Arbeitsrat für Statistik" Aufschluß geben sollen, der allerdings nur Informationen zu liefern, aber
keinen Einfluß auf die Produktion auszuüben gehabt hätte. Pierre Ramus trat damit für eine Form der
Wirtschaftsgestaltung ein, die dem nach 1945 verwirklichten französischen Modell der "Planification" ähnelt.
Expertenstäbe und Statistiker erarbeiteten demnach Bedarfstabellen und Prognosen, anhand
derer die Unternehmen ihre kurz- und mittelfristigen Entscheidungen orientieren konnten.
Der Weg des Geldes von der Banknotendruckmaschine bis zum
Geldausgabeautomaten läßt den technischen Aspekt des modernen Zahlungsmittels deutlich hervortreten. Geld ist also -
ganz nüchtern betrachtet - als eine Technologie zu beschreiben, die den Austausch zwischen ökonomisch handelnden
Personen vermittelt, insbesondere der Informationsfindung und der Kommunikation dient. Der Stellenwert des Geldes ist
aber auch durch seine Wirksamkeit als zentrales Steuerungsmedium in Wirtschaft und Gesellschaft bestimmt; ein damit
verbundener Herrschaftsaspekt ist damit unübersehbar. Die heute bestehende Geldordnung ist nicht nur in gefährlicher
Weise krisenanfällig, wie in den monetären Konjunkturtheorien anschaulich dargestellt, sie führt über die
"Privatsteuer" Zins auch zu einer sozial unausgewogenen Vermögensverteilung. Gelderträge fließen - vom
öffentlichen Sektor nur unzureichend erfaßt - dort am meisten zu, wo bereits große Vermögen akkumuliert existieren.
Massive soziale Ungleichgewichte sind damit vorprogrammiert. Besonders in Phasen, in denen die spekulativen Aktivitäten
sich ausweiten, fordert das Finanzkapital mehr Zins, als der Produktionssektor zu erarbeiten imstande ist. Selbst
wissenschaftlich geschulte Ökonomen müssen inzwischen zugeben, dass das bestehende Geldsystem seit geraumer Zeit nicht
mehr imstande ist, die "wirtschaftliche Realität" abzubilden.
Im Zeitalter des elektronischen Nachrichtenaustausches wird kaum
jemand auf das Mittel der Rohrpostanlage zurückgreifen. Aber auch das Geld ist als Technologie verbesserbar. Dem
Aspekt, dass heute die öffentlichen Haushalte in besonders hohem Ausmaß von der Zinsentwicklung betroffen sind,
versucht das Solidarkredit-Modell entgegenzuwirken. Grundgedanke ist dabei, dass die Zinszahlungen nicht beim
Kreditnehmer „öffentliche Hand“, so ferne er auch Investor ist, hängen bleiben sollen. Da das „Kommunikationsmittel“
Geld nach einem Investitionsinput von Kassa zu Kassa wandert, ist nicht einzusehen, warum alleine der investierende
Kreditnehmer Kosten und Risiko gegenüber dem Gläubiger zu vertreten hat. In dem vorgeschlagenen Modell der Vergabe von
Solidarkrediten sind die anfallenden Kredit- und Transaktionskosten mit der Liquidität weiterzugeben. Konkret bedeutet
dies, dass die monetären Mittel von Banken, die im Rahmen einer Solidarkreditaktion tätig werden, auf herkömmlichen
Geld- und Kapitalmärkten zu den üblichen Bedingungen beschafft werden. Auf speziell kodierten Konten wird das Geld
dann als Kreditvolumen im jeweils erforderlichen Umfang bereitgestellt. Dabei hat der Investor, im gegebenen Fall die
öffentliche Hand, nicht im vollen Umfange für die Zinszahlungen aufzukommen, sondern nur so lange, wie das Geld auf dem
Konto bereitsteht. Mit der realen Investition, also mit der Weitergabe des Geldes – etwa an beauftragte Unternehmen
– werden die anfallenden Liquiditätskosten weitergegeben, so dass dem öffentlichen Haushalt zumindest eine Reduktion
des Zinsaufkommens garantiert ist.
Besonders zu beachten ist im gegebenen Zusammenhang auch
die Schuldenfalle, die sich im Rahmen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen nach 1945 herausgebildet hat. In den
Ländern der "Dritten Welt", denen der Kapitalismus lange Zeit als "Entwicklungshilfe-Instrument"
schlechthin empfohlen wurde, hat der Weg einer gedankenlosen "Modernisierung" eindeutig seine
Zukunftsfähigkeit verloren. Es ist heute die Frage zu stellen, ob die aus dem Zeitalter des klassischen Imperialismus
stammenden Verheerungen überhaupt noch reparabel sind. Ursprünglich funktionierende soziale Strukturen sind zerstört,
Almosen und "Entwicklungshilfe" nutzten mehr den "Gebern" als den "Nehmern". Im Vordergrund
steht zur Zeit das Schuldenproblem der "Dritten Welt". Zins und Zinseszins beschleunigen den Lauf der
Schuldenspirale, zwischen 1987 und 1992 erhöhte sich der Forderungsbestand der Gläubigerstaaten von rund 1.000 Mrd.
US-Dollar auf etwa 1.500 Mrd. US-Dollar; inzwischen ist die 2.000 Mrd. Dollar-Grenze überschritten. Der Erlaß von
Schuldenrückzahlungen kann unter den gegebenen Umständen nur eine erste Maßnahme zur Entschärfung der Situation
darstellen.
| Veröffentlichungen aus den Reihen der Pierre Ramus
Gesellschaft
Senft, Gerhard: Weder Kapitalismus noch Kommunismus. Silvio Gesell und das libertäre Modell der Freiwirtschaft. Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte, Band 3, Libertad Verlag, Berlin 1990 |
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Grund und Boden wird von jedem Menschen benötigt wie das Trinkwasser
oder die Atemluft. Zum Problemfall wird der Faktor Grund und Boden dann, wenn der Zugang zu diesem Faktor durch die
Institution des Privateigentums monopolistisch eingeschränkt wird. Beim ersten Hinhören mag dies nun paradox klingen:
Wie kann durch Privateigentum der Monopolismus gefördert werden? - Doch die Zusammenhänge lassen sich anhand eines
Beispiels leicht deutlich machen. Viele werden die Situation in einem öffentlichen Schwimmbad kennen: Mensch springt
ins Wasserbecken, schwimmt einige Längen, geht wieder raus und versucht sich auf einer der umstehenden Liegebetten
auszuruhen. Aber, siehe da, die Liegen sind alle besetzt, entweder gerade von anderen Personen belegt oder mit einem
Handtuch bzw. einer Badetasche als nicht benutzbar markiert. Man wird wenig dagegen einwenden können, wenn gerade ein
Ruhebett in Verwendung ist, problematisch wird es dann, wenn ein öffentliches Gut - die Liege - mit einem Handtuch oder
einem anderen Ding „privatisiert“ wird. Die Konsequenzen sind klar: ein nur knapp vorhandenes Gut wird durch die „Privatisierung"
noch knapper und eine Fülle von „Marktteilnehmern“ wird so von der Benützung ausgeschlossen. In der „sozialen
Realität“ des Schwimmbades ist eine Lösung des Problems in Sicht. Es genügt eine Beschwerde beim zuständigen
Bademeister, und die unbenützten, jedoch besetzten Liegebetten können frei gemacht werden. - Die „Verfassung“ d.
h. die Ordnung in den öffentlichen Schwimmbädern sieht dies ganz klar so
vor. In der sozialen Realität der modernen Welt sehen die Dinge anders aus. Der Faktor Grund und Boden, den, wie
gesagt, jeder Mensch für seine Existenz benötigt wie das Trinkwasser oder die Atemluft, wird heute überwiegend als
"frei bewegliches" erwerbbares Gut behandelt, mit der Folge, dass nur wenige Menschen dazu ein unmittelbares
Verfügungsrecht besitzen. Über das Privateigentum wird somit, wie durch einen Flaschenhals, der Zugang zum Grund und
Boden monopolistisch eingeschränkt. Versuchen wir uns die Dimensionen zu veranschaulichen: Wäre unsere Erde mit ihren
inzwischen über sechs Milliarden Menschen ein Dorf mit 100 Familien, dann besäßen nur sieben Familien 60 Prozent des
fruchtbaren Ackerlandes.
Der Eigentümer des Bodens hat den Vorteil, durch sein
Verfügungsrecht einen Monopoltribut einfordern zu können. Besitzt jemand beispielsweise ein Stück Land in einer
Randlage der Stadt Wien, so bestehen verschiedene Möglichkeiten: Es könnte auf dem Grundstück ein Wohnhaus gebaut
oder ein Gewerbebetrieb eröffnet werden - oder das Grundstück wird nur verpachtet, etwa an einen
Gebrauchtwagenhändler. Dieser parkt darauf einige seiner Ausstellungsobjekte und einen Wohnwagen, den er als Büro
benutzt. Von dem Autohändler fließt für die Benutzung des Bodens dem Eigentümer regelmäßig
ein Pachtzins zu. Der Zutritt zum Monopolgut Grund und Boden wird so in einer Privateigentumsordnung mit einem
Tribut belegt, der Eigentümer kommt zu einem arbeitslosen Einkommen. Im Gegensatz zu jedem Unternehmer, der von Zeit zu
Zeit sein Realkapital erneuern muß, im Gegensatz zu jedem Hausbesitzer, der von Zeit zu Zeit sein Dach flicken lassen
muß, bezieht der Grundrentner ein Einkommen, das nicht durch Reinvestitionsmaßnahmen geschmälert wird. Der Pachtzins
wird umso höher sein, je höher die Bodengüte ist und je geringer die sogenannte Marktferne gegeben ist.
Dazu kommt: Grund und Boden
ist ein unvermehrbares Gut. Je mehr Menschen die Erdoberfläche bevölkern, umso knapper muß der Boden werden. Das
bedeutet, dass es durch die Verknappung zu Wertsteigerungen des Bodens kommt, die sich für den Eigentümer natürlich
ebenfalls pekuniär auswirken müssen. Neben den Bodenpreissteigerungen, die sich beim Verkauf von Grundstücken für
den Eigentümer realisieren, kommt es immer wieder auch zu beträchtlichen Spekulationsgewinnen. Als etwa Ende der 80er
Jahre in Wien eine Weltausstellung geplant wurde, vervielfachten sich in einigen Stadtregionen die Bodenpreise. Man kann
sagen, dass es in Wien zwischen 1990 und 1993 zu einer Verdreifachung der Grundstückspreise kam - und das, nachdem das
Weltaustellungsprojekt bereits langsam zurückgestellt worden war. Auch in der Stadt Salzburg explodierten die
Bodenpreise geradezu: Im Jahr 1981 kostete ein Quadratmeter eines Grundstückes noch durchschnittlich Euro 92,7.-, fünf
Jahre später waren es Euro 148.-, 1991 dann Euro 225.- und 1992 schließlich schon Euro 320.-. Damit ergibt sich für
eine Zeitspanne von elf Jahren eine Steigerung um 245 Prozent. (Studie: Hitsch & Hölzl Immobilien Consulting,
1992).
Die steigenden Bodenkosten hat selbstverständlich der
Durchschnittsverbraucher, etwa bei der Bezahlung seiner Wohnmiete, zu berappen. Mit dem Privateigentum an Grund und
Boden wird ein Zustand zementiert, der besonders in Zeiten steigender Wohnungskosten als sozial unverträglich
bezeichnet werden muß. Zu Recht titelte die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ im September 1992: „Der
private Wohnungsmarkt ist fast nur für die Reichen.“ Obwohl das öffentliche Bewußtsein in der Bodenfrage reichlich
unterentwickelt ist, hat man in einigen Ländern bereits auf der politischen Ebene zu reagieren begonnen. So
unzulänglich manche der eingeleiteten Maßnahmen auch erscheinen mögen, eine Signalwirkung ist nicht zu
unterschätzen. In Dänemark wird über eine entsprechende Bodenbevorratungspolitik und über die Aufstellung von
Bebauungsplänen eine vorausschauende Bodenbewirtschaft durchzusetzen versucht, Hausbesitz und Grundbesitz unterliegen
zudem einer getrennten Besteuerung. In den Niederlanden wurden erleichterte Enteignungsverfahren gesetzlich verankert,
die Vorkaufsrechte der Gemeinden bei Grund und Boden gestärkt und die Kommunalisierung von Grundstücken insgesamt
stark forciert.
Es wird nicht zu leugnen sein, dass sich das Boden-Problem in den
Ländern der „Dritten Welt“ besonders drastisch offenbart. Noch immer ist in diesen Regionen Grund und Boden der
Produktionsfaktor Nummer 1. Die strukturellen Gegebenheiten sind stark geprägt durch den Großgrundbesitz, die
monopolistische Ausrichtung tritt wesentlich klarer zutage. Zahllose kleine Pächter, sei es etwa in Lateinamerika oder
in Indien, sind der Willkür der ländlichen Elite unterworfen. Vergleichbar der Einhegungsbewegung in Europa im
Zeitalter der Industrialisierung, die Legionen von Kleinbauern ihrer Existenz beraubte, bestimmt heute der
Großgrundbesitz in der „Dritten Welt“ über den Zugang zu Grund und Boden und über die meist einseitige
Orientierung in der Agrarproduktion. Nicht die Bedürfnisse der ortsansässigen Bevölkerung stehen im Vordergrund,
sondern eine auf Monokultur basierende Landwirtschaft, die von den Zwängen eines Weltmarktes dominiert wird.
An der Schwelle zum 19. Jahrhundert hatte der
Bevölkerungstheoretiker Thomas Robert Malthus folgende These aufgestellt: "Wird ein Mensch in eine Welt, die schon
besetzt ist, geboren, und seine Eltern können ihn nicht ernähren, und die Gesellschaft benötigt seine Arbeitskraft
nicht, so hat er kein Recht auf die kleinste Portion Nahrung. Am opulenten Festmahl der Natur kann er nicht teilhaben,
es gibt für ihn keinen leeren Platz am Tisch. Die Natur fordert ihn auf zu gehen und sie führt diesen Befehl selbst
aus." Diese Anschauung scheinen viele Wirtschaftswissenschaftler auch
heute noch zu vertreten. Malthus und seine Apologeten hatten jedoch nicht berücksichtigt, dass das Problem weniger in
der Zahl der ErdenbürgerInnen liegt, als in der Frage der Existenzsicherung der wachsenden Bevölkerung im Zusammenhang
mit der Eigentumsverfassung. Für Pierre Ramus stand fest, dass es in erster Linie darauf ankomme, monopolistische
Strukturen auf allen Ebenen der Ökonomie zu durchbrechen, um so Existenzbedingungen sicherzustellen. Ist die durch das
Privateigentum an Grund und Boden bedingte flaschenhalsartige Verengung einmal beseitigt, ist der bedarfsgerechte
Zutritt zu Grund und Boden eröffnet. Somit dürfte auch die Gewährleistung einer entsprechenden Subsistenzmittelbasis
keine Schwierigkeit mehr darstellen.
***
Nachsatz: Eine Überführung der Grundrente in den Bereich der
öffentlichen Hand würde deren Finanzierungsspielräume beträchtlich erweitern, etwa in Hinsicht auf die Einführung
eines garantierten Grundeinkommens. In den letzten Jahrzehnten ist klar geworden, dass das Arbeitsethos puritanischer
Herkunft seine Zugkraft nicht beibehalten wird. Mehr Zeit zum Leben und weniger Zeit für Arbeit ist ein unverkennbarer
Wunsch vieler Menschen in unserer Gesellschaft geworden. Die ökonomischen Verhältnisse sind heute so gelagert, dass
solchen Ansprüchen unschwer Rechnung getragen werden kann. Die hohen technischen Standards lassen den Produktionsfaktor
Arbeit immer mehr verzichtbar erscheinen. Soziale Integration wird in der Zukunft immer weniger durch Teilnahme am
Arbeitsprozess gesichert sein. Es ist daher sinnvoll, "Teilnahme" am gesellschaftlichen Prozess über ein
Grundeinkommen ohne Arbeit sicherzustellen. Übrigens: Traditionelle Vollbeschäftigungspolitik in der westlichen Welt
würde, wie seriöse Studien ergeben, jährlich mehr als 5 Prozent
Wirtschaftswachstum erfordern. Das Anpeilen solcher Wachstumsraten ist illusorisch und mit ökologischen Zielsetzungen
völlig unvereinbar.
Geschlechterbeziehungen,
Reformpädagogik und
"Moderne Schule"
Jene Macht den Herrschenden zu entziehen, die in der Unwissenheit des
Volkes liegt, zählte der Aufklärer Pierre Ramus zu seinen vordringlichsten Anliegen. Für Ramus galt es in diesem
Zusammenhang, besonders die herkömmliche Schule als zentrales
Disziplinierungsinstrument zu enttarnen, und übereinstimmend mit dem spanischen Anarchisten Francisco Ferrer meinte er:
"Physisch, geistig und moralisch kerkert die Schule Kinder ein, um die Entwicklung in gewünschte Pfade zu
lenken." Gefördert wird im schulischen Rahmen primär jener Typus, der seine Kraft und seine Fähigkeiten zur
Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse einzusetzen bereit ist. Sich manipulieren zu lassen und auf mehr oder
weniger "sanften Druck" zu reagieren wird so von Kindesbeinen an gelernt. Nach dem libertären Prinzip ist
aber nur die freie, der Spontanität des Kindes entsprechende Schule geeignet, den einzelnen zu einem selbstbestimmten
Erwachsenendasein finden zu lassen.
Pierre Ramus´ Konzeption einer freien Gesellschaft setzt auch
veränderte Formen der Geschlechterbeziehungen und des Zusammenlebens voraus. "Die Veränderung der Familie zum
Träger einer neuen Kultur erfordert im wesentlichen eine Veränderung nicht der äußeren Struktur der Familienform,
sondern vielmehr der inneren Struktur des Familienverbandes, das heißt der zwischenmenschlichen Beziehung. Diese
Forderung beinhaltet drei verschiedene Aspekte: Erstens die Abschaffung des
Patriarchates, zweitens die Gleichstellung von Mann und Frau, drittens eine neue Qualität der
Eltern-Kind-Beziehung." (Ilse Schepperle)
Eine praktische Konsequenz aus Ramus´ Bemühen um eine neue
(nicht-repressive) Qualität der partnerschaftlichen Beziehung war z. B. sein Eintreten für die Vasektomie
(=Sterilisation des Mannes als Beitrag zur Empfängnisverhütung). Dieses Engagement brachte ihm 1932/33 eine
Verurteilung zu vierzehn Monaten schwerem Kerker ein . . .
| Veröffentlichungen aus den Reihen der Pierre Ramus
Gesellschaft
Rasworschegg, Adi: Wo geh‘ ich hin? Eine Standortbestimmung der Menschheit, Verlag Monte Verita, Wien 1992 |
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Antimilitarismus
und Gewaltlosigkeit
„Jede Eroberung der staatlichen Macht - und dies ist der Inbegriff
einer jeden politischen Revolution - bedarf der Gewalt. Wir wollen und erstreben die vollständige Vernichtung jeder
Macht als politisch-soziales Zentrum innerhalb der Gesellschaft. Darum können wir uns nicht der Gewalt bedienen,
sondern müssen sie zur Auflösung bringen, was nur durch die Gewaltlosigkeit erreicht werden kann.
Die politische Revolution bedarf als ihres Mittels der Gewalt; die
soziale Revolution bedarf als ihres Mittels der Gewaltlosigkeit.
Wir ... wollen die Zerstörung der Waffengewalt, weil sie die
Grundlage des kapitalistischen Eigentumsmonopols und des Staatsprinzips ist. Um diese Zerstörung zu erlangen, ist
nötig:
Die geistige und psychische Massenverweigerung des Waffendienstes
durch die Arbeitenden;
die geistige und die psychische Massenverweigerung jeglicher
Erzeugung von Waffen und Mordwerkzeugen;
die materielle und sabotierende Zerstörung sämtlicher Waffen-
und Rüstungsbestände; die Verhinderung von deren Gebrauch und aller strategischen Verkehrsnotwendigkeiten für sie
und die Verweigerung jedweder Arbeitsleistung und Nahrungsabgabe an alle bewaffneten Körperschaften, die ihre
Waffen nicht freiwillig der Vernichtung überantworten.
Diese Methoden sind die wesentlichsten Übergangsmethoden der
sozialen Revolution. Sie beinhalten keine Gewalt, sondern sie entziehen der Gewalt die Möglichkeit und jedwedes Gebiet
ihrer Betätigung." (Pierre Ramus)
III. Veröffentlichungen aus den Reihen der Pierre Ramus Gesellschaft (chronologische Sortierung)
IV. Periodika in der Nachfolge Pierre Ramus‘
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| Befreiung. Organ des herrschaftslosen Sozialismus für soziale und geistige Neukultur im Sinne des Friedens, der Gewaltlosigkeit und individuellen Selbstbestimmung; für freie Menschen und solche, die es werden wollen. Herausgegeben von Ferdinand Groß, Graz. Erschien von 1976 bis 1997 | Erkenntnis. Zeitschrift der Pierre Ramus-Gesellschaft. Herausgegeben von der Pierre Ramus-Gesellschaft, Wien. Erscheint seit 1993, seit 2002 als reine Internetversion. |
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