Pierre Ramus und der österreichische Anarchismus

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert machte sich innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung neben der gemäßigten Sozialdemokratie auch ein anarchistischer Flügel bemerkbar. Während die Gemäßigten um eine politische und soziale Integration des Proletariats ins bestehende System bemüht waren und eine Reformorientierung präferierten, vertraten die Radikalen eine revolutionäre Linie und sahen im Kampf um die Erringung des Wahlrechts keine Perspektive.[1] In ihren sozioökonomischen Zielsetzungen unterschieden sich die beiden Fraktionen anfänglich aber gar nicht so sehr. Das Eigentum an Produktionsmitteln sollte abgeschafft, privatkapitalistische Strukturen beseitigt werden. In die gemäßigte Richtung tendierte eher die Industriearbeiterschaft, während die Personengruppe aus dem weniger gesettelten Bereich (Handwerk und Kleingewerbe, Zuzügler aus ländlichen Gebieten) mehr eine Neigung zum Radikalismus entwickelte.[2] Ein verbreitetes Phänomen jener Zeit waren die zahlreichen Wanderarbeiter, die auf der Suche nach Beschäftigung kreuz und quer durch Europa unterwegs waren. Einer von ihnen war der gebürtige Tscheche Josef Peukert (1855-1910).[3] In Frankreich stieß er auf die Anhängerschaft Pierre-Joseph Proudhons (1809-1865), die sein politisches Weltbild erheblich prägten sollte. Nach seinem Abschied von der Waltz widmete er sich im cisleithanischen Teil der Donau-Monarchie der Propaganda für eine anarchistisch-kommunistische Gesellschaft nach autonom-föderativem Muster.

Vergleichbar den Maßnahmen „gegen gemeingefährliche Bestrebungen“ im Bismarck’schen Deutschen Reich („Sozialistengesetze“), kam es im Habsburger-Reich Mitte der 1880er Jahre zu einer Ausnahmegesetzgebung, die die radikalen Elemente in den Untergrund drängte und damit erheblich schwächte. Unter den nun günstigen Bedingungen für eine Sammlung der gemäßigten Teile der Arbeiterschaft kam im Jänner 1889 in Hainfeld der Einigungsparteitag der Sozialdemokratie zustande. Ideologisch überwiegend marxistisch ausgerichtet, hielt die neugegründete Partei nun Personen wie Peukert deutlich auf Distanz.[4] Die radikalen Gruppen völlig zu verdrängen, gelang jedoch nicht. Das in der ersten Hälfte der 1890er Jahre erschienene Organ der revolutionären Sozialisten, die „Zukunft“, erreichte in weiten Teilen der Arbeiterschaft sogar eine außerordentliche Popularität.[5] Unmittelbar vor 1900, aber auch noch danach kam es in Wien immer wieder zu wilden bzw. spontanen Aufständen, zu Arbeitsniederlegungen, zu Hungerunruhen oder zu Mietstreiks.[6] Einer der Berufsverbände der Schuhproduzenten mit anarchistischer Ausrichtung bestand bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges. Mit der Ausweitung gewerkschaftlicher Aktivitäten begannen sich in Österreich ab der Jahrhundertwende auch erste anarchosyndikalistische Tendenzen abzuzeichnen. Als einer der wichtigen Vertreter des österreichischen Anarchosyndikalismus und als Mitgestalter der revolutionären Umbrüche 1918/19 sollte Leo Rothziegel (1892-1919) hervortreten.[7]

Ohne Zweifel konnte die Sozialdemokratie in Österreich ihre beherrschende Rolle stets behaupten, dennoch gelang es dem libertären Lager, einige markante Gestalten hervorzubringen: Olga Misar[8] (1848-1938), Franz Prisching[9] (1864-1919), Otto Gross[10] (1877-1920), Herbert Müller-Gutenbrunn[11] (1887-1945), Rudolf Geist[12] (1900-1957) oder Alfred Saueracker[13] (1892-1987).

Wichtigster Repräsentant eines „wilden Denkens“ blieb bis in die 1930er Jahre zweifellos Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (1882-1942).[14] In der Donaumetropole zur Welt gekommen, verließ seinen Herkunftsort bereits in jungen Jahren, nicht jedoch – wie manchmal romantisierend festgehalten wird – als politisch Verfolgter, sondern weil er als schwer erziehbar geltender Jugendlicher als Besserungsmaßnahme zu Verwandten in die Vereinigten Staaten geschickt wurde. Hier erst erfuhr er seine Politisierung, die jedoch in eine ganz andere Richtung ging, als seine Familie in Wien sie sich erwartet hatte. Nach einer Begegnung mit Johann Most (1846-1906) begann er als anarchistischer Publizist, Redner und Agitator tätig zu werden. Eingebunden in die Arbeiterbewegung, konnte Großmann erstmals zahlreiche Kontakte zur libertären Szene knüpfen. Um einer Haftstrafe wegen eines illegalen Streikvorhabens zu entgehen, kehrte er wieder nach Europa zurück, um sich ab 1903/04 für einige Zeit in London niederzulassen. Hier vertiefte er seine internationalen Verbindungen (Peter Kropotkin, 1842-1921; Errico Malatesta, 1853-1932; Rudolf Rocker, 1873-1958), hier lernte er auch seine spätere Lebensgefährtin Sophie Ossipowna Friedmann[15] (1884-1974) kennen, hier nahm er auch das Pseudonym Pierre Ramus an, unter dem er grenzüberschreitend bekannt werden sollte.[16]

Als Ramus im Jahr 1907 nach Wien zurückkehrte, hatte er im Gepäck bereits sein fertiggestelltes „Anarchistisches Manifest“, das in der Folge noch in etlichen Auflagen und verschiedenen Übersetzungen herausgebracht werden sollte.[17] Wie zuvor schon in den USA fand er im gewerkschaftlichen Sektor ein zentrales Betätigungsfeld. Resonanz erzielte er aber auch, indem er die grassierende Wohnungsnot und steigende Mieten thematisierte und Arbeiterfamilien im Sinne eines Mietzinsstreiks zu Zahlungsverweigerungen aufrief.[18]

Das in London begonnene Projekt der Monatszeitung „Die Freie Generation“ betrieb Ramus in Wien weiter, zusätzlich brachte er ab 1907 in zweiwöchigem Rhythmus das Blatt „Wohlstand für Alle“ heraus.[19] Unterstützt durch seine Gefährtin und einem wachsenden Anhängerkreis begann er zudem regelmäßige wöchentliche Versammlungen abzuhalten, auf denen er zu verschiedenen aktuellen Themen Stellung bezog.[20] Gegenüber behördlichen Zensurversuchen, die bald einsetzten, zeigte er keinerlei Zurückweichen, ein Verhalten, das ihn schließlich im April 1911 vor Gericht brachte. Nachdem er an einer Versammlung des Vereines „Freie Denker“ in Graz teilgenommen und dort gesprochen hatte, wurde er angeklagt, in Wort und Schrift den Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung betrieben zu haben.[21] Konkret wurde ihm vorgeworfen, das Eigentum „herabzuwürdigen“ und „ungesetzliche Handlungen“ zu bejahen.[22] Ramus wurde als teilweise schuldig befunden und zu einer Geldstrafe in der Höhe von 300 Kronen verurteilt.[23]

Als in der ersten Jahreshälfte 1914 der große Krieg immer wahrscheinlicher wurde, wetterte Ramus auf verschiedenen Kundgebungen gegen die Aggressionspolitik der Mittelmächte und rief zur Verweigerung des Fahneneides auf. Wenige Tage nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien wurde er unter der Anschuldigung der Spionage in Verwahrungshaft genommen. Nachdem sich der Vorwurf als haltlos erwiesen hatte, ging Ramus frei, aber nur, um im März 1915 erneut verhaftet zu werden. Diesmal lautet die Anklage auf „Hochverrat“. Angeblich hatte er trotz ausdrücklichen Verbotes weiter antimilitaristische Schriften verbreitet.

Das k. u. k. Garnisonsgericht in Wien. Quelle: Österreichische Nationalbibliothek.

Ramus verbrachte mehrere Monate im Zellentrakt des k. u. k. Garnisonsgerichts in Wien. Obwohl ihm wiederum nichts nachzuweisen war, musste er die Zeit von seiner zweiten Enthaftung bis zum Ende des Krieges unter Hausarrest bzw. in der Verbannung verbringen.[24] Doch bereits in den Tagen vor dem Jänner-Streik 1918 gelang es Ramus, sich der behördlichen Aufsicht zu entziehen und sich in Wien revolutionär gesinnten Gruppen anzuschließen.[25] Als zu Kriegsende die staatlichen Strukturen kollabierten, gingen wichtige Verwaltungs- und Versorgungsagenden in den Organisationsbereich von so genannten Räten über, die sich zuvor schon im betrieblichen Rahmen herausgebildet hatten. Mit Ramus oder Karl F. Kocmata (1890-1941) zogen auch Anarchisten in den Wiener Arbeiterrat ein, in dem jedoch das Zusammenwirken unterschiedlicher Gruppen alles andere als spannungsfrei verlief.[26] Während die Vertreter der Sozialdemokratie das Rätesystem im Grunde ablehnten und eine Präferenz für den bürgerlichen Parlamentarismus zeigten und während die kommunistische Seite die lokalen Organisationsgruppen ihren eigenen parteipolitischen Zwecken unterordnen wollten, orientierten sich die anarchistischen Vorstellungen am unbedingten Erhalt autonomer Rätestrukturen.[27] Zwar war bei Ramus und seiner Anhängerschar eine gewisse Offenheit gegenüber politischen Bündnissen festzustellen[28], doch war stets auch klar, dass weder die an einem sorgsam abgemilderten Marxismus orientierte Sozialdemokratie noch die zum Autoritarismus tendierende kommunistische Richtung imstande sind, eine wirkungsvolle Gesellschaftsveränderung in Richtung Sozialismus zu bewirken.[29] Diese Einschätzung versuchte Ramus auch in seinem 1919 erstmals erschienenen Buch „Die Irrlehre des Marxismus“ ausführlich zu belegen.[30]

Im Verein mit der Sozialdemokratie erreichten die gegenrevolutionären bürgerlichen Kräfte, dass die Rätebewegung in den Ländern Mitteleuropas auf eine kurze Episode beschränkt blieb.[31] Was jedoch nicht ohne weiteres zu beseitigen war, waren die krisenhaften Zustände, die nach tiefgreifenden Lösungen verlangten. Innerhalb des neuen Österreich erwies sich besonders Wien als ein kulturell brodelnder Kosmos, in dem die unterschiedlichsten sozialen und ökonomischen Entwürfe gediehen. Hier, in der „Welthauptstadt der Utopien“[32], schritt Ramus im November 1918 zur Errichtung des Verlages „Erkenntnis und Befreiung“, hier begann er auch mit der Herausgabe der gleichnamigen Zeitschrift. Das Blatt erschien zwischen 1918 und 1933 als Nachfolgeorgan des „Wohlstands für Alle“ zuerst halbmonatlich, in der Folge dann wöchentlich. In der Hauptsache war „Erkenntnis und Befreiung“ am kommunistischen Anarchismus ausgerichtet, allerdings beschränkten sich die Inhalte nicht allein auf gesellschaftliche oder politische Gebiete, angesprochen wurden zudem kulturelle Themen, auch Gedichte und kleinere literarische Beiträge wurden veröffentlicht.[33] Die Zeitschrift spiegelte die Denkansätze jener Klassiker, die Ramus hinsichtlich einer Theoriebildung als wesentlich erachtete: Michail Bakunin (1814-1876), Francisco Ferrer (1859-1909), Max Stirner (1806-1856), Leo Tolstoj (1828-1910). Ramus begnügte sich jedoch nicht mit einem schlichten Eklektizismus, ihm ging es um eine Präzisierung libertärer Ideen und um eine kreative Verknüpfung unterschiedlicher Positionen, wobei er auch die Ansinnen lebensreformerischer Strömungen mit einbezog.[34] Als hervorstechend zeigte sich bei Ramus ein ethischer Impetus, war doch für ihn der Sozialismus in allererster Linie eine höhere Kulturstufe der Menschheit.[35] Der Gedanke einer gewaltlosen Revolution blieb für ihn stets zentral, als Alternative zur militärischen Intervention entwickelte er erste Vorstellungen hinsichtlich einer sozialen Verteidigung.[36]

Die Bedeutung Ramus lag vor allem in seiner Rolle als ein wichtiger Multiplikator. Unmittelbar nach Kriegsende gelang es ihm, einen beträchtlichen Teil des in Österreich vorhandenen anarchistischen Potenzials zu sammeln und im „Bund herrschaftsloser Sozialisten“ zu vereinen.[37] Der Bund verfügte über mehrere Tausend Mitglieder, organisiert in einigen Dutzend Ortgruppen.[38] Ramus‘ publizistische Bemühungen während der Zwischenkriegszeit waren aber nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem in Österreich sich zuspitzenden Kulturkampf zwischen klerikal-konservativen und progressiven Kräften zu sehen. Wesentlich ging es in diesem Zusammenhang um die Zukunft der Erziehung und des Unterrichts, um Fragen der Sexualität und der Empfängnisverhütung[39]. Ramus‘ Auftreten gegen eine in vielen Bereichen restriktive Gesetzgebung trugen ihm immer wieder gerichtliche Verfolgung und entsprechende Verurteilungen ein.[40]

Plakat des „Bundes herrschaftsloser Sozialisten“, Wiener Neustadt 1931.

Der „Bund herrschaftsloser Sozialisten“ diente nicht allein einer Gemeinschaftsbildung abseits bürgerlicher Normen und Werte oder als Forum politischer Diskussionen. Im Sinne der von Ramus vorgeschlagenen „Sozialwirtschaftlichen Aktion“ gelang es, an konkrete Projekte einer entstehenden Siedlungsbewegung anzuschließen.[41] Die rasante Geldentwertung nach dem Krieg und die sogenannte Stabilisierungskrise 1923/24 trieb zahlreiche Menschen an den Rand der großen Städte, wo sie im Zuge des Siedlungsausbaues auf erschwinglichen Wohnraum und auf die Möglichkeiten eines eigenständigen Nahrungsmittelanbaus hoffen konnten. Nachdem diese Form der Selbstermächtigung nur zu oft mit einer illegalen Bodenaneignung verbunden war, stellte sich die Frage des Eigentums hier ganz praktisch. Überzeugt davon, dass es sich bei Grund und Boden um ein Monopolgut handelt – gemeint ist damit: in einer Privateigentumsordnung verfügen nur wenige über einen unvermehrbaren Faktor, der aber für alle unverzichtbar ist –, trat Ramus für das Modell einer organisierten Bodenokkupation ein.[42] Nur mehr Genossenschaften oder Kommunen sollten entsprechende Verfügungsrechte erhalten, nur sie sollten interessierten Personen für die Dauer der Nutzung Grund und Boden zur Verfügung stellen können. Ramus schöpfte in diesem Zusammenhang wesentlich aus den programmatischen Vorschlägen des in Berlin lehrenden Sozialökonomen und Bodenreformers Franz Oppenheimer (1864-1943).[43] Auch im Rahmen seiner Tätigkeit in der Siedlerbewegung suchte Ramus einen breit gefächerten Austausch mit Gleichgesinnten.[44] So pflegte er freundschaftlichen Kontakt zu Heinrich Goldberg (= Filareto Kavernido, 1880-1933), der als eine Art Aussteiger in Berlin die anarchistische Kommune „La Kaverno di Zaratustra“ begründete.[45] Als autonome Sozialprojekte blieben die Siedlungen die gesamte Zwischenkriegszeit über ein Thema. Besonders mit dem Anstieg der Arbeitslosenzahlen in Österreich nach dem Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise 1930 erhielt die Kommune-Bewegung zusätzlichen Auftrieb.

Ramus erschien es jedoch wesentlich, auch auf „neue Kombinationen“ zu  setzen, um so den Anarchismus konstant weiterzuentwickeln. Systematisch durchleuchtete er die Konzepte vergleichbarer oppositioneller Sozialmilieus und prüfte sie auf ihre Kompatibilität mit seinen eigenen Denkansätzen. So bemühte er sich etwa um eine libertäre Adaption des Grundeinkommensmodells von Josef Popper-Lynkeus (1838-1921).[46] Im Gegensatz zu den zahlreichen Befürwortern eines Anschlusses an das Deutsche Reich waren die Anarchistinnen und Anarchisten stets von der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit des neuen Österreich überzeugt.[47] Jedoch konnte niemandem verborgen bleiben, dass die Alpenrepublik mit der Währungssanierung 1922 zu einer Art Schuldkolonie des weltumspannenden Finanzkapitals geworden war.[48] Anknüpfend an den klassischen Anarchismus trat Ramus zwar unverdrossen für eine Abschaffung sämtlicher monetären Mittel ein – „Nieder mit der Geldherrschaft“[49], war etwa im Blatt „Erkenntnis und Befreiung“ zu lesen –, allerdings begann er sich unter der besonderen Zuspitzung der wirtschaftlichen Verhältnisse in den 1920er Jahren zunehmend auch mit alternativen Geldsystemen auseinanderzusetzen, wobei er etwa den Dialog mit der Anhängerschaft Silvio Gesells (1862-1930) suchte.[50] Ein lebhafter Austausch verband ihn zudem mit Viktor Krüger (1883-1963), der nach seinem Ortswechsel von Wien nach Santiago de Chile Anfang der 1930er Jahre den sogenannten Ergokratischen Syndikalismus begründete.[51]

Emma Goldman und Pierre Ramus am 3. Internationalen Antimilitaristen-Kongress in Den Haag im März 1921. Quelle: Erkenntnis und Befreiung, Jg. VI, Nr. 37/1924.

Das aufgeschlossene Wesen Ramus‘ kam nicht nur seinem Internationalismus zum Ausdruck – er verkehrte mit Erich Mühsam[52] (1878-1934), Emma Goldman[53] (1869-1940), Diego Abad de Santillán[54] (1897-1983) u. v. a. m. –, sondern auch in seinem multidisziplinären Denken. So erkannte er die eminent gesellschaftspolitische Bedeutung des Kunstsektors. Die verstärkende Wirkung des Kunstschaffens im Hinblick auf die Verbreitung neuer Erkenntnisse und sozialer Innovationen konnte nach seinem Dafürhalten nicht genug betont werden.[55] Zu jener Zeit, in der das Forschungsfeld Sigmund Freuds (1856-1939) im wissenschaftlichen Bereich erstmals Fuß fasste, entwickelte Ramus auch ein Interesse an psychologischen Fragestellungen. Im Hause Ramus‘ verkehrte der Individualpsychologe Alfred Adler (1870-1937)[56], einer der engsten Mitstreiter Ramus, Friedrich Liebling (1893-1982), wurde in der Folge ein Schüler Adlers. In eigenen Studienreihen versuchte Liebling später mittels eines tiefenpsychologischen Ansatzes die Triebfedern von Herrschaft zu ergründen.[57]

Während der 1930er Jahre, vor allem nach dem Bürgerkrieg und der einsetzenden Diktatur in Österreich, wurde es für Ramus zunehmend schwieriger, seine politische Arbeit fortzusetzen. Mehrmals geriet er rechtsextremen Gruppen ins Gehege, wobei er auch körperlich attackiert wurde. Als die Umstände zu gefährlich erschienen, tauchte er immer wieder seinen Aufenthaltsort wechselnd unter.[58] An seiner Linie der Gewaltlosigkeit hielt er fest, doch wurde diese in den Reihen des Anarchismus immer mehr in Zweifel gezogen.[59] Spätestens ab 1936, als in Spanien revolutionäre Kräfte und Faschisten aufeinandertrafen, wurden viele der Thesen Ramus‘ als überholt betrachtet.[60] Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1938 brachen Ramus und seine Familie ihre Zelte in Österreich ab, um sich auf unterschiedlichen Wegen in sichere Exilländer zu begeben. Über die Schweiz, Frankreich und Spanien gelangte Ramus nach Nordafrika, wo er mehrere Flüchtlingslager von innen kennenlernte. In einer ausgedienten Kasernenanlage in Marokko untergebracht, setzte für ihn ein langer, zermürbender Prozess des Wartens ein. Ein Visum, das die Weiterreise erlaubt hätte, war nur mehr sehr schwer zu bekommen. Der Familie Ramus‘, die z. T. Aufnahme in den USA gefunden hatte, gelang es aber schließlich zu Jahresende 1941, eine Einreisebewilligung für den inzwischen bereits körperlich Geschwächten nach Mexiko zu erhalten. Die Überfahrt schaffte Ramus jedoch nicht mehr. Er verstarb an Bord des unter portugiesischer Flagge segelnden Schiffes „Guiné“[61], das ihn nach Veracruz bringen sollte.[62]

Gerhard Senft, Wien

Anmerkungen:

[1] Staudacher, Anna (1988): Sozialrevolutionäre und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor Hainfeld, Wien, 81-92.

[2] Botz, Gerhard; Brandstetter, Gerfried; Pollak, Michael (1977): Im Schatten der Arbeiterbewegung. Zur Geschichte des Anarchismus in Österreich und Deutschland, Wien, 19 f.

[3] Peukert, Josef (2002): Erinnerungen eines Proletariers aus der revolutionären Arbeiterbewegung (1913), Lich.

[4] Hannak, Jacques (1952): Im Sturm eines Jahrhunderts. Eine volkstümliche Geschichte der Sozialistischen Partei Österreichs, 42 f.

[5] Staudacher, Anna (1992): Die Zukunft. Organ der revolutionären Sozialisten (1892-1895). Zur Geschichte der „anderen Arbeiterbewegung“ nach Hainfeld, Edition wilde Mischung, Band 1, Wien.

[6] Maderthaner, Wolfgang; Musner, Lutz (1999): Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt/M., 166-175.

[7] Haumer, Peter (2016): „Bitte schicken Sie uns einige Maschinengewehre und Zigaretten.“ Leo Rothziegel (1892-1919). Jüdischer Proletarier und Revolutionär, Wien.

[8] Rath, Brigitte (2010): Olga Misar, oder: Die Vielfalt der Grenzüberschreitungen, in: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, 28 (57) Mai 2010, 44-47.

[9] Lammerhuber, Karl (1994): Der g’rode Michl: Portrait einer anarchistischen Zeitschrift, Edition wilde Mischung, Band 7, Wien. Müller, Reinhard (2005): Franz Prisching. G’roder Michl, Pazifist und Selberaner, Nettersheim – Graz.

[10] Heuer, Gottfried (2003): „Ganz Wien in die Luft sprengen? … Das wäre wunderbar!“ Der Anarchist Otto Gross, in: Dienes, Gerhard; Rotter, Ralf (Hg.): Die Gesetze des Vaters. Problematische Identitätsansprüche. Hans und Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka, Wien – Köln – Weimar, 114-125. Das Aufbegehren des Otto Gross gegen bürgerliche Werthaltungen, gegen die Normierung des Sexualverhaltens, gegen eine staatlich forcierte Biopolitik, die vitale Bedürfnisse des Menschen einhegt und einem angeblich öffentlichen Interesse unterwirft, hat Stefan Breuer einem fundamentalistischen Anspruch zugeordnet. Vgl. dazu: Gross, Otto (1980): Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe. Herausgegeben von Kurt Kreiler, Frankfurt. Der Fundamentalismus in der Moderne – so Breuer – entspricht einem „mobilisierten und radikalisierten Traditionalismus“, der keinerlei Umgangsformen mit neuzeitlichen hochkomplexen Werteordnungen zu finden imstande sei. Unter Verzicht auf inhaltliche Präzisierungen rückt Breuer damit Gross in die Nähe eines Schopenhauer’schen Kulturpessimismus und in die Nähe esoterischer Heils- und Erlösungslehren. Ähnlich verfährt Breuer auch bei der Einordnung Tolstojs in die Kulturgeschichte. Was an den Versuchen, die den Menschen unnötig einengenden Schranken zu durchbrechen und die Defekte der Moderne (vor allem die Abgleitflächen ins Totalitäre) aufzuzeigen, „fundamentalistisch“ sein soll, erschließt sich dem kritischen Betrachter in keiner Weise. Breuer, Stefan (2002): Moderner Fundamentalismus, Berlin – Wien, 11, 17.

[11] Müller-Guttenbrunn, Herbert (2007): Alphabet des anarchistischen Amateurs. Herausgegeben von Beatrix Müller-Kampel, Berlin.

[12] Gauß, Karl-Markus; Geist, Till (Hg.) (2000): Der unruhige Geist. Rudolf Geist – Eine Collage, Salzburg.

[13] Gautsch, Andreas (2015): Ein Edelanarchist aus Eden. Über den Anarchisten und Antimilitaristen Alfred Saueracker/Alfred Parker, Wien.

[14] Zu Pierre Ramus siehe: Grossmann, Rudolf, in: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Band 9. Herausgegeben vom Archiv Bibliographia Judaica e.V., München 2001, 343-357.

[15] Sophie Ossipowna Friedmann stammte aus einer vom Anarchismus Tolstojs geprägten Familie und war als politischer Flüchtling von Russland nach Großbritannien gekommen. Sonja, wie Großmann seine Partnerin nannte, brachte eine Tochter in die Verbindung mit, später sollten beide zusammen noch Familienzuwachs bekommen (Lilly E. Schorr, 1908-2000).

[16] Bei der Wahl seines Pseudonyms orientierte sich Großmann am Namen des französischen Humanisten und Aufklärers Petrus Ramus (1515-1572).

[17] Ramus, Pierre (1907): Das anarchistische Manifest, Berlin.

[18] Mietzinsstreik, in: Wohlstand für Alle, Nr. 14/1911, zitiert in: Bodenreform, 22 (18) 1911, 570.

[19] „Die Freie Generation“ erschien in drei Jahrgängen von 1906 bis 1908, der „Wohlstand für Alle“ musste mit Beginn des Weltkrieges eingestellt werden.

[20] Zeitgenossen verglichen Ramus gelegentlich mit dem Herausgeber der „Fackel“ Karl Kraus (1874-1936), der um 1910 ebenfalls begann, Vortragsrunden abzuhalten. Stecher, Alfred (1920): Karl Kraus und Pierre Ramus, in: Die Insel, 1 (1) 15. Jänner 1920, 13 f. Über die Vortragstätigkeit Ramus‘ berichtet als Zeitzeuge auch Viktor Matjeka: „Ja, also das war eine denkwürdige Versammlung …“. Dieter Schrage im Gespräch mit Viktor Matejka über Pierre Ramus, in: Erkenntnis. Zeitschrift der Pierre Ramus-Gesellschaft, 11 (11) 2003, 19-26. Auf einen nicht unbedeutenden Unterschied ist jedoch hinzuweisen. Im Gegensatz zu Kraus, der im Rahmen seiner Herausgebertätigkeit manchmal eher bedenkenlos verfuhr – so erteilte er dem Einpeitscher des modernen Rassen-Antisemitismus Houston Stewart Chamberlain (1855-1929) in der „Fackel“ das Wort –, deutet bei Ramus vieles darauf hin, dass er in der Redaktionsstube diskret, aber beharrlich daran gearbeitet hat, antisemitisches Gedankengut, das innerhalb der anarchistischen Bewegung bereits bei Proudhon oder Bakunin zum Vorschein gekommen war, aus dem von ihm betreuten Schrifttum fernzuhalten. Vgl. dazu: Chamberlain, Houston Stewart (1901): Der voraussetzungslose Mommsen, in: Die Fackel 3 (87) 1901, 1-13. Chamberlain, Houston Stewart (1901): Katholische Universitäten, in: Die Fackel 3 (92) 1902, 1-32.

[21] Ramus veröffentlichte in der Folge gesammelt in einem Band die Anklageschrift, seine Verteidigungsrede sowie das Erkenntnis des Gerichts. Das Vorwort dazu verfasste F. Domela Nieuwenhuis (1846-1919). Ramus, Pierre (Hg.) (1911): Francisco Ferrer und seine Mission vor österreichischen Gerichtsschranken, Paris.

[22] Anklageschrift GZ. St. 1161/10/13, abgedruckt in: Ramus 1911, 3-6.

[23] Zum Vergleich: Ein Fahrschein der Wiener Verkehrsbetriebe kostete vor dem Ersten Weltkrieg 40 Heller (Eine Krone = 100 Heller).

[24] Unter dem Titel „Friedenskrieger des Hinterlandes“ veröffentlichte Ramus 1924 seine Erlebnisse während des Ersten Weltkrieges. Ramus, Pierre (1924): Friedenskrieger des Hinterlandes. Schicksalsroman eines Anarchisten im Weltkriege, Mannheim. Als ein der Aufklärung verpflichtetes Dokument gibt das Buch verschiedene mit Erzählsequenzen gekoppelte Gespräche wieder (z. B. in den Verhörzimmern oder in den Zellen des k. u. k. Garnisonsgerichts in Wien), sodass konkrete Einzelschicksale vor dem Hintergrund der dramatischen Kriegsereignisse deutlich werden. Die wesentlichen Teile des Textes finden sich wiederabgedruckt in: Suttner, Bertha von; Ramus, Pierre; Roth, Joseph (u. a.) (2014): Friedenskrieger des Hinterlandes. Der Erste Weltkrieg und der zeitgenössische Antimilitarismus. Herausgegeben von Gerhard Senft, Wien.

[25] So war Ramus bei den Diskussionen der „Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten“ mit dabei. Vgl. das bislang unveröffentlichte, etwa 380.000 Zeichen umfassende Manuskript des österreichischen Lenin-Anhängers Franz Koritschoner (1892-1941), geschrieben vermutlich 1924. Archiv der Alfred-Klahr-Gesellschaft, Wien. Schreiben von Hans Hautmann an Gerhard Senft vom 7. Juli 2015. Der Autor bedankt sich bei Hans Hautmann, der das Dokument zutage gefördert und zur Verfügung gestellt hat.

[26] Hautmann, Hans (1987): Geschichte der Rätebewegung in Österreich, 370, 382, 505, 635-637.

[27] Die „Kommunistische Partei Deutsch-Österreichs“ war im November 1918 gegründet worden. Baier, Walter (2009): Das kurze Jahrhundert: Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918 bis 2008, Wien.

[28] Inhaltlich waren Ramus und etwa Otto Bauer (1881-1938), einer der wesentlichen sozialdemokratischen Theoretiker der Zwischenkriegszeit, in manchen Punkten gar nicht so weit voneinander entfernt, traten doch beide für ein ökonomisches Modell ein, das vom englischen Gilden-Sozialismus beeinflusst war. Vgl. Cole, George D. H. (2005): Gilden-Sozialismus. Eine andere Deutung des Sozialismus (1921), in: Pierre Ramus-Gesellschaft (Hg.): „Neuschöpfung der Gesellschaft“ und andere Texte zur Rekonstruktion der sozialen Balance, Wien, 87-98. Ramus, Pierre (2005): Die Neuschöpfung der Gesellschaft (1921), in: Pierre Ramus-Gesellschaft (Hg.): „Neuschöpfung der Gesellschaft“ und andere Texte zur Rekonstruktion der sozialen Balance, Wien, 99-256. Bauer, Otto (1919): Der Weg zum Sozialismus, Berlin. Vgl. aber auch das gemeinsame punktuelle Aktivwerden von Ramus-Anhängern und kommunistischen Aktivistinnen und Aktivisten. Z. B. das Flugblatt „An die werktätige Bevölkerung!“ von 1933, Steiermärkisches Landesarchiv, 384 Ko 2/96, 1933. Inhaltlich wiedergegeben in: Wilding, Peter (1990): „… Für Arbeit und Brot.“ Arbeitslose in Bewegung: Arbeitslosenpolitik und Arbeitslosenbewegung in der Zwischenkriegszeit in Österreich (mit dem regionalgeschichtlichen Schwerpunkt Steiermark), Wien, 324 f.

[29] Der Weitblick Ramus‘ von 1918/19 ist schon erstaunlich, scheint doch heute klar: Die historische Mission der Sozialdemokratie war die Einbindung der Arbeiterschaft in das bürgerliche System, die historische Mission des leninistisch definierten Kommunismus war die ökonomische Modernisierung industrieller Nachzügler-Länder. Keiner der beiden Polit-Saurier aber war tatsächlich befähigt zur Schaffung eines modernen Sozialismus.

[30] Ramus, Pierre (1919): Die Irrlehre und Wissenschaftslosigkeit des Marxismus im Bereich des Sozialismus, Wien. Eine ausführliche bibliographische Erfassung des Werkes von Pierre Ramus veröffentlichte erstmals Reinhard Müller. Müller, Reinhard (2000): Pierre Ramus. Bibliographie, in: Hommage à la non- violence. Ein großer freiheitlicher Erzieher: Pierre Ramus. Herausgegeben vom Verlag Gegenseitige Hilfe, Lausanne, 109-116.

[31] Hautmann, Hans (1971): Die verlorene Räterepublik. Am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs, Wien – Frankfurt/M. – Zürich. Ritter, Gerhard A.; Miller, Susanne (1975) (Hg.): Die deutsche Revolution 1918-1919. Dokumente, Hamburg.

[32] Teltscher, Rudolf (2015): Wien – Hauptstadt der Utopien um 1900, Wien.

[33] Der bis Mitte der 1920er Jahre gleichbleibende Untertitel offerierte die programmatische Ausrichtung des Blattes: „Organ des herrschaftslosen Sozialismus. Für soziale und geistige Neukultur im Sinne des Friedens, der Gewaltlosigkeit und individuellen Selbstbestimmung. Für freie Menschen und solche, die es werden wollen.“ Bemerkenswert waren die Solidaritätsaktionen der Zeitschrift, etwa für die beiden in den USA zum Tode verurteilten libertären Sozialisten Ferdinando Sacco (1891-1927) und Bartolomeo Vancetti (1888-1927) (z. B. Erkenntnis und Befreiung, 3 (48) 1921) oder für den deutschen Anarcho-Kommunisten Max Hölz (1889-1933) (z. B. Erkenntnis und Befreiung, 5 (6) 1923). Vgl. Strauss Feuerlicht, Roberta (1979): Sacco und Vanzetti, Wien – München – Zürich. Zu Max Hölz: Buber-Neumann, Margarete (2002): Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges, München, 62 ff, 210, 367.

[34] So befasste sich Ramus etwa im Zusammenhang mit dem Thema Zuwachs der Weltbevölkerung und Versorgungssicherheit auf für damals sehr unorthodoxe Art und Weise auch mit Fragen eines gesundheits- und umweltverträglichen Lebensmittelanbaus.

[35] Thomas Iffert hat sich besonders mit Ramus‘ Vorstellungen hinsichtlich einer gesellschaftlichen Transformation beschäftigt. Ramus ging es wesentlich darum, abseits der von Staat und Kapital beherrschten Bereiche eine neue sozioökonomische Ausgangsbasis herzustellen, die kooperative Handlungsmuster und neue Vernetzungen möglich macht bzw. fördert. Vieles erinnert dabei an Gustav Landauers (1870-1919) „Aufruf zum Sozialismus“. Iffert, Thomas (2006): Revolutionstheorie und Sozialismus-Konzeption bei Pierre Ramus. Herrschaftsloser Sozialismus in der Zeit der Weltkriege, in: Pierre Ramus-Gesellschaft (Hg): „Stell dir vor, es sind Wahlen – und keiner geht hin!“ Anarchismus und Parlamentarismus. Ergebnisse des 5. Symposions der Pierre Ramus-Gesellschaft, Wien, 33-61. Landauer, Gustav (1978): Aufruf zum Sozialismus (1911), Wetzlar.

[36] Soziale Verteidigung bedeutet bei Ramus konkret: Durchführung von Boykottaktionen und Ausübung von Sabotageakten, um die Kosten eines militärischen Aggressors derart zu erhöhen, dass er das Interesse an einer militärischen Okkupation verliert.

[37] Was ist und was will der Bund herrschaftsloser Sozialisten? Die auf dem Bundestag am 25. und 26. März 1922 angenommenen Leitsätze und Richtlinien unserer Anschauung und Betätigung, Wien – Klosterneuburg 1922.

[38] Die gelegentlich kolportierten Angaben von rund 4.000 Anhängern sowie 60 bis 70 Ortsgruppen des BhS hält Gerfried Brandstetter zu Recht für übertrieben. Brandstetter, Gerfried (1978): Rudolf Großmann („Pierre Ramus“). Ein österreichischer Anarchist (1882-1942), in: Botz, Gerhard; Hautmann, Hans; Konrad, Helmut; Weidenholzer, Josef (Hg.): Bewegung & Klasse. Studien zur österreichischen Arbeitergeschichte, Wien, 107.

[39] Ramus hat in dieser Auseinandersetzung bereits Aspekte der sogenannten Biopolitik angesprochen (um hier einen heute verbreiteten Begriff zu verwenden). „Biopolitik“ meint die Einmischung des militaristisch und prokapitalistisch agierenden Staates in das Reproduktionsgeschehen zugunsten des Nachschubs beim Kanonenfutter und für die Steuerung der Zahl der Arbeitskräfte in den Fabriken.

[40] „Ein Anarchistenprozeß vor dem Preßgericht“, in: Neue Freie Presse, 74 (20910) 24. November 1922, 10. Sein Engagement für die freiwillige Vasektomie brachte Ramus Anfang der 1930er Jahre eine Freiheitsstrafe im Ausmaß von zehn Monaten ein, die er im Zuchthaus von Karlau bei Graz zu verbüßen hatte. Vgl. auch: „Der große Sterilisationsprozess beginnt: Pierre Ramus vor den Schöffen“, in: Wiener Sonn- und Montagszeitung, 59 (23) 6. Juni 1933, 10.

[41] Pavlic, Andreas (2009): Die soziale Revolution. Pierre Ramus und die frühe SiedlerInnenbewegung in Wien, Diplomarbeit Universität Wien.

[42] Valentin, Otto (1952): Überwindung des Totalitarismus, Dornbirn, 113 f.

[43] Vgl. Oppenheimer, Franz (1924): Gemeineigentum und Privateigentum an Grund und Boden, in: Oppenheimer, Franz (Hg): Wege zur Gemeinschaft. Gesammelte Reden und Aufsätze, Erster Band, München, 192-217. Oppenheimer trat als Chefökonom der frühen zionistischen Bewegung auf und wirkte in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Palästina an der Errichtung des ersten Kibbuz mit. Vgl. Lichtblau, Klaus; Willms, Claudia (Hg.) (2014): Liberaler Sozialist, Zionist, Utopist: Der Soziologe Franz Oppenheimer (1864-1943), Katalog zur Ausstellung an der Goethe-Universität, Frankfurt/M.

[44] Vogeler, Heinrich (2016): Brief an den österreichischen Anarchisten Pierre Ramus über die Barkenhoff-Kommune (1921), Anlage 1: Entwurf für die Errichtung einer Arbeitsschule, Anlage 2: Die Arbeitsschule Barkenhoff, Anlage 3: Die Arbeitsgemeinschaft Barkenhoff, Anlage 4: Die Arbeitsschule in der kommunistischen Gesellschaft, Anlage 5: Erkenntnis und Wille, in: Jung, Werner; Delabar, Walter (Hg.): Weibisch, frankophil und (nicht nur) von Männern gemacht. Denkbilder, Schmuck- und Fundstücke, Randständiges, Hauptsächliches aus der Geschichte des Feuilletons im frühen 20. Jahrhundert. Magazin für Literatur und Politik, Bielefeld, 291-310. Fähnders, Walter (2016): Die Barkenhoff-Kommune. Zu Heinrich Vogelers Brief an Pierre Ramus, in: Jung, Werner; Delabar, Walter (Hg.): Weibisch, frankophil und (nicht nur) von Männern gemacht. Denkbilder, Schmuck- und Fundstücke, Randständiges, Hauptsächliches aus der Geschichte des Feuilletons im frühen 20. Jahrhundert. Magazin für Literatur und Politik, Bielefeld, 311-316.

[45] Heinrich Goldberg publizierte verschiedene Schriften, durch die er seine kulturphilosophischen Ideen zu verbreiten versuchte. Auch schrieb er in der französischen anarchistischen Zeitung „L’en Dehors“. 1926 übersiedelte die von ihm gegründete Kommune nach Tourrettes-sur-Loup in Südfrankreich. Goldberg wanderte schließlich 1929 in die Dominikanische Republik aus. Vgl. Linse, Ulrich (1986): Ökopax und Anarchie. Eine Geschichte der ökologischen Bewegungen in Deutschland, München, 82. Zu Ramus siehe: 100, 137.

[46] Brezina, Friedrich F. (2013): Gesicherte Existenz für Alle – Josef Popper-Lynkeus (1838–1921), Edition wilde Mischung, Band 34, Wien. Ramus, Pierre (2001): Josef  Popper-Lynkeus als konstruktiver Denker des Staatssozialismus, in: Pierre Ramus-Gesellschaft (Hg.): Erkenntnis und Befreiung. Konturen einer libertären Sozialverfassung, Wien, 212-149.

[47] Zur zeitgenössischen Debatte vergleiche etwa: Hertz, Friedrich (1921): Ist Österreich wirtschaftlich lebensfähig? Wien. Hertz war einer der wenigen Wirtschaftswissenschaftler, die einen Anschluss an Deutschland für verzichtbar hielten und dennoch eine optimistische Position hinsichtlich Österreichs Zukunft vertraten.

[48] Ausch, Karl (2013): Als die Banken fielen. Zur Soziologie der politischen Korruption (1968), Wien, 75 ff.

[49] Nieder mit der Geldherrschaft, in: Erkenntnis und Befreiung, 5 (31) 1923, 1. Zur Bewertung des Geldsektors durch Ramus siehe auch: Schepperle, Ilse (1987): Pierre Ramus. Marxismuskritik und Sozialismuskonzeption, München, 213.

[50] Ramus befasste sich seit Beginn der Zwischenkriegszeit mit den geldreformerischen Vorschlägen Silvio Gesells. Ramus, Pierre (1924): Wir Anarchisten und die „Freigeld“-Bewegung, in: Erkenntnis und Befreiung, 5 (33) 1924, 1 ff. Ramus, Pierre (1924): Zuerst Freigeld oder Anarchie?, in: Erkenntnis und Befreiung, 5 (34) 1924, 2 f. Ramus, Pierre (1924): Verwirklichungswege der „Freigeld“-Bewegung und des Anarchismus, in: Erkenntnis und Befreiung, 5 (48) 1924, 3. Erwiderungen dazu: Timm, Hans (Diogenes) (1924): Freiwirtschaft oder kommunistischer Anarchismus? Zu den Ausführungen von Pierre Ramus, in: Der neue Kurs, 4 (33) 1924, Beilage. Zu den Berührungspunkten zwischen Freiwirtschaft und Anarchismus siehe: Senft, Gerhard (1990): Weder Kapitalismus noch Kommunismus. Silvio Gesell und das libertäre Modell der Freiwirtschaft, Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte, Band 3, Berlin, 163 ff, 188 f. Das Blatt „Erkenntnis und Befreiung“ brachte auch Veranstaltungs-Einladungen  der Freiwirtschafter oder Buchbesprechungen zum Thema Freigeld. Siehe etwa:  Erkenntnis und Befreiung, 2 (41) 1920.  Erkenntnis und Befreiung, 4 (33) 1922. Gemeinsam mit Anarchistinnen und Anarchisten wirkten Freiwirtschafter – z. B. Georg Hanisch (1875-1946) – auch in der Siedlung- und Produktionsförderungsgenossenschaft „Neue Gesellschaft“ mit. Vgl. zur Gründung der  Genossenschaft: Janotta, Karl (1920): Soziales Leben und Werden. Die Siedlung- und Produktionsförderungsgenossenschaft „Neue Gesellschaft“, in: Erkenntnis und Befreiung, 2 (17) 1920, 2 f. Als einer der wesentlichen Vertreter der Freiwirtschaftsbewegung in Österreich versuchte Hanisch die Lehren Theodor Hertzkas (1845-1924) und Silvio Gesells zu vereinen. Siehe dazu auch: Hanisch, Georg (1915): Die Marx’sche Mehrwerttheorie, Berlin. Hanisch, Georg (1919): Weder Privatkapitalismus – noch Kommunismus. Programm des „Freiheitlich-Sozialistischen Volksvereins“, Wien.

[51] Viktor Krüger war in Wien nach dem Ersten Weltkrieg mit dem „Ergokratie“  benannten „Schwundgeld“-Modell Heinrich Färbers (1864-1941) in Berührung gekommen. Im Gedankenaustausch mit Ramus gelang es Krüger, der Ergokratie eine libertäre Note zu verleihen. Nachdem er in Chile mehrere Publikationen dazu in spanischer Sprache herausgebracht  hatte, formierte sich mit der Herausbildung eines Ergokratischen Syndikalismus eine soziale Sonderbewegung. Zu den Vorläufern und zur Entstehung der „Organización Ergocrática Sindicalista Corporativista de Chile“ siehe: Senft, Gerhard (2015): Häresie und Antiökonomie. Auf den Spuren der Ergokraten, Edition wilde Mischung, Band 35, 30-33. Mit seiner kritischen Haltung gegenüber der neuen Zentralbank in Österreich waren Ramus‘ Vorstellungen durchaus anschlussfähig an die Modelle der Freiwirtschaft und der Ergokratie. Vgl. Ramus, Pierre (1922): Notenbank und staatliches Geldmonopol, in:  Erkenntnis und Befreiung, 4 (31) 1922, 1. Wie viele der Ramus-Anhänger nach 1945 in Richtung Freiwirtschaft oder zur Ergokratie tendierten, wäre eine eigene Untersuchung wert. Vgl. dazu etwa Adalbert Hirmke, der in der „Erkenntnis und Befreiung“ schrieb, später aber eine geldreformerische Ausrichtung annahm. Hirmke, Adalbert (1924): Jugendbewegung und Anarchie, in: Erkenntnis und Befreiung, 5 (17) 1924, 3. Hirmke, Adalbert (~1978): Geschichte und Wirtschaft, Wien. Hirmke, Adalbert (1979): Quo vadis! Leben oder Untergang?, Wien. An dieser Stelle sollte auch nicht der Hinweis auf Franz Newerkla fehlen, der im Zeitraum der Weltwirtschaftskrise in Wien den „Selbsthilfeverband der Arbeitslosen Österreichs“ organisierte und dabei eine Nähe zu anarchistischen Gruppen entwickelte. Der Verband machte vor allem durch Bodenbesetzungsaktionen (etwa in der Wiener Lobau) von sich reden. Von 1931 bis 1932 erschien unter der (Mit-)Herausgeberschaft Newerklas wöchentlich die „Arbeiter-Ausgabe. Unabhängiges Organ der Werktätigen und Arbeitslosen Österreichs“ (Untertitel 1932: „Organ der Arbeitslosen, Kolonisten und Werktätigen“). Wegen der Besetzungsaktionen wurde der Verband bald behördlich aufgelöst. Vgl. Selbsthilfeverband der Arbeitslosen Österreichs, 1927-1932, Akt: Sammelordner, Konvolut, Dossier, in: Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, BAK, BAK I, Bundespolizeidirektion Wien, VB Signatur VIII-4004. Nach 1945 wirkte Newerkla führend bei den von Silvio Gesell inspirierten Liberal-Sozialisten mit. Vgl. dazu: Senft, Gerhard (2007): Aus dem Leben eines romantischen Realisten, in: Senft, Gerhard (Hg.): Zwischen Zeiten & Unzeiten. Gedenkschrift für Ludwig Stadelmann (1917-2004), Leipzig, 52 f.

[52] Mühsam und Ramus überwarfen sich jedoch während des Ersten Weltkrieges. Ein entscheidender Punkt dabei war Mühsams Hinwendung zum Leninismus. Unter den österreichischen Anarchistinnen und Anarchisten hatte der Konflikt eine spaltende Wirkung. In Opposition zu Ramus‘ Kurs, dem u. a. die Pflege eines „Personenkults“ unterstellt wurde, formierte sich um 1930 die Gruppe „Contra“, die auch eine eigene Zeitschrift gleichen Namens herausgab (erschienen 1930-1931). Diese Gruppe orientierte sich an den Vorstellungen Mühsams. Zu ihr gehörte Leopold Spitzegger (1897-1957), der 1926 den Bruch mit dem „Bund herrschaftsloser Sozialisten“ vollzog und danach der Österreich-Korrespondent des von Mühsam herausgegebenen Blattes „Fanal“ wurde. Brandstetter in Botz, Hautmann, Konrad, Weidenholzer, 1978, 110. Müller, Reinhard (1999): Leopold Spitzegger, Archiv der Universität Graz,  http://agso.uni-graz.at/webarchiv/agsoe02/bestand/34_agsoe/34bio.htm [2. März 2016].

[53] Im Juli 1925 weilte Ramus in London, um einen Vortrag zum Thema „Lessons of the Revolutions in Germany and Austria“ zu halten. Den Vorsitz bei der Veranstaltung übernahm Emma Goldman. Flugblatt-Ankündigung, Archiv der Kate Sharpley Library, London.

[54] Diego Abad de Santillán (1897-1983) übersetzte diverse Texte Ramus‘ wie das „Anarchistische Manifest“ ins Spanische. Vgl. auch Ramus, Pierre (1928): La Nueva Creación de la Sociedad por el Comunismo Anárquico, Buenos Aires.

[55] Ramus pflegte einen regen Austausch mit Kunstschaffenden, u. a. mit dem bekannten Dadaisten Hugo Ball (1886-1927), mit dem Mitbegründer der „Freien Volksbühne Berlin“ Bruno Wille (1860-1928) oder mit dem Schriftsteller und Maler Emil Szittya (1886-1964). Vgl. dazu: Knüppel, Christoph (2012): Bruno Wille schreibt an Pierre Ramus, in: Hinter der Weltstadt. Mitteilungen des Kulturhistorischen Vereins Friedrichshagen e. V., 15 (21) 2012. http://friedrichshagener-dichterkreis.de/aktuelle-veroffentlichungen/ [9. März 2016]. Fähnders, Walter (2013): Emil Szittya und Hugo Ball, in: Faul, Eckhard (Red): Hugo Ball-Almanach. Studien und Texte zu Dada. Neue Folge 4/2013. Herausgegeben von der Stadt Pirmasens in Verbindung mit der Hugo Ball-Gesellschaft, Berlin, 251 ff.

[56] Rasworschegg, Adi (1992): Pierre Ramus, in: Lexikon der Anarchie. Herausgegeben von Hans-Jürgen Degen, (Loseblatt-Sammlung); Bösdorf, 2.

[57] Grasenack, Moritz (Hg.) (2005): Die libertäre Psychotherapie von Friedrich Liebling, Lich.

[58] So wohnte Ramus einige Zeit bei der Familie des späteren Leiters des „Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes“ Herbert Steiner im 9. Wiener Gemeindebezirk. Steiner, Herbert (1995): Erinnerungen an Pierre Ramus, Vortrag im Rahmen der 2. Pierre Ramus-Symposions, 4. November 1995, Literaturhaus Wien.

[59] Wie immer der gewaltlose Ansatz Ramus‘ bewertet werden kann, die antifaschistische Gesinnung des österreichischen Anarchisten ist jedenfalls nicht in Zweifel zu ziehen. Es ist bekannt, dass Siedlungsprojekte, an denen Ramus mitwirkte, auch als landwirtschaftliche Ausbildungsstätten für Auswanderer nach Palästina genutzt wurden. Schrage, Dieter (1992): Pierre Ramus. „Friedenskrieger“ und Lebensreformer. Anarchismus als Kulturbewegung, Vortrag im Rahmen der 1. Pierre Ramus-Symposions: Zum 50. Todestag Pierre Ramus‘, 14. November 1992, Republikanischer Club, Wien. Erwähnenswert wäre im gegebenen Zusammenhang auch die Verbindung zwischen Ramus und  Otto Weidt (1883-1947), der dem Hitler-Regime trotzte und so zahlreichen Menschen das Leben rettete. Vgl. Kain, Robert (2011): Pierre Ramus‘ Begegnung mit dem späteren „stillen Helden“ Otto Weidt, in: Erkenntnis. E-Journal der Pierre Ramus-Gesellschaft, 19 (19) 2011, 82-89.

[60] Müller, Reinhard (2016): „Wer pessimistisch in die Zukunft blickt, offenbart seinen schwachen Willen“. Anarchistischer Kampf während des Austrofaschismus, hrsg. vom Institut für Anarchismus-Forschung, Wien.

[61] Diesen besonderen Hinweis verdanke ich ebenfalls dem Grazer Historiker und Soziologen Reinhard Müller.

[62] In Österreich hat der gewaltfreie Anarchismus durchaus einige Spuren hinterlassen. Im Anschluss an die Publikationstätigkeit Ramus‘ gab Ferdinand Groß (1908-1998) in Graz zwischen 1976 und 1998 das Blatt „Befreiung“ heraus. Zum gewaltfreien Anarchismus bekannten sich nach 1945 besonders Kulturschaffende und Autoren wie Erich Fried (1921-1988), Andreas Okopenko (1930-2010) oder Dieter Schrage (1935-2011). Schrage begründete 1992 gemeinsam mit Adi Rasworschegg (1929-2003) die Pierre Ramus-Gesellschaft. Vgl. Fischer, Georg; Huth, Arno (Hg.) (2002): Das Erbe des ehemaligen KZ-Häftlings Ferdinand Groß (1908-1998), Lesemappe, KZ-Gedenkstätte Neckarelz. Rasworschegg, Adi (1992): Denkanstöße. Band 1: Wo geh’ ich hin, Wien. Sommer, Robert (2016): Poesie und Disziplin. Dieter Schrage und der unterirdische Strom der Anarchie, Wien.